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Interview

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In einer kleinen Stadt

Ein beeindruckendes Dossier über eine kleine Stadt in Brandenburg. Die Entstehung von Bürgercourage und der Umgang der demokratischen Kräfte mit dem rechtsextremistischen Mob. Artikel aus der Frankfurter Rundschau, 16.01.07, von Bernhard Honnigfort

Manchmal geht es einfach nicht weiter. Dann ist Schluss, dann ist der Tropfen gefallen, der alles überlaufen lässt.

Wittstock an der Dosse, eine Kleinstadt im Nordwesten Brandenburgs, 15 500 Einwohner. Im Februar 1999 wettet Sandro mit Freunden um ein paar Mark, dass er sich traut, den Döner-Imbiss anzuzünden. Er macht es, wirft einen Brandsatz. Das alte Fachwerkhaus mit dem Imbiss darin geht in Flammen auf. Die Feuerwehr kommt, kann aber nicht mehr viel machen. Niemand wird verletzt. Der Junge kommt ins Gefängnis.

Kerstin Zillmann war dabei. Sie gehörte zum Feuerwehrtrupp, der sieben volle Gasflaschen aus den Flammen zog. "Lebensgefährlich", sagt die 43-Jährige. "Was war das für eine miese und feige Tat. Was hätte alles passieren können." Das war der Moment, als es so nicht mehr weiterging. Das war, als sie anfing, sich einzumischen.

Im Mai 2001 überfielen Neonazis abends eine Wohnung in Wittstock. Sie suchten nach Manuel, einem deutsch-afrikanischen Jugendlichen. Sie wollten den "Nigger" fertig machen. Er floh über den Balkon, sprang aus dem dritten Stock und war stundenlang verschwunden. Die Polizei fand ihn nicht. Frühmorgens rief er seine Mutter an: "Mama, kannst du mich holen?" Sie brachte ihn mit schweren Rückenverletzungen ins Krankenhaus.

Das war der Tag, an dem Gisela Guskowsky anfing, sich einzuschalten. Sie schrieb einen offenen Brief an ihre Mitbürger: "Ich kann nicht begreifen, dass so viele konsequent weggucken und schweigen."

Barbara Kenzler ist Lehrerin. 36 Jahre schon. Deutsch und Geschichte an der Polthier-Oberschule. Eines Abends kam einer ihrer Söhne nach Hause, die Arme blutig, das Hemd zerrissen. Auf dem Rücken Abdrücke von Springerstiefeln. Er wäre um ein Haar erstochen worden. Das war der Tropfen zu viel.

Wittstock an der Dosse, eine Riesenkleinstadt aus 25 Ortsteilen, ein bisschen Fachwerk, ein bisschen Kopfsteinpflaster, ein schöner Marktplatz. Mitten auf dem platten Land an der Autobahn Richtung Norden. Nach Berlin und Hamburg flächenmäßig die größte im Lande. Es gibt den Schwedenstein und die alte Bischofsburg mit dem Museum über den Dreißigjährigen Krieg. Es gab einmal den "VEB Obertrikotagewerk", den größten Betrieb im Ort. Und es gab ein bisschen Möbelindustrie und ein paar Metallbetriebe. Heute residiert die "Agentur für Arbeit" in der alten VEB-Halle. Und natürlich leidet die kleine Stadt unter der Abwanderung: Wittstock ist seit 1990 um ein Viertel geschrumpft. Wie fast überall im Nordosten. Die Guten gehen.

Nach 1990 kam das Städtchen furchtbar unter die Räder. NPD und Neonazis machten sich breit, es gab ständig Überfälle, Schlägereien und Brandanschläge, rechte Aufmärsche und Kundgebungen. Ständig passierte etwas: Eine Reisegruppe aus den USA wurde im Wittstocker McDonald's angegriffen, vier jugendliche Mädchen verprügelten eine 13-jährige Schülerin, weil sie dunkelhäutig war. Die Gedenkstätte Belower Wald wurde angezündet. Junge Rechte beleidigten einen 83-jährigen Holocaust-Überlebenden, der im November 2004 in einer Gesamtschule aus seinem Leben berichtete.

Doch das Schlimmste passierte zwei Jahre zuvor: Damals verprügelten fünf Männer nach einem Disco-Besuch im Nachbardorf Alt-Daber den 24-jährigen Russlanddeutschen Kajrat Batesov. Einer der Täter schlug mit einem Feldstein auf den Schwerverletzten ein. Drei Wochen danach starb er.

Irgendetwas Furchtbares war immer in Wittstock. Über die Jahre hatte sich eine rechtsextreme Szene verfestigt, 30, vielleicht 40 junge Männer, ihre Freundinnen, ihre Frauen. Im Stadtrat sitzt Matthias Wirth, er gehört dazu. Wie fast alle anderen trat er aus der NPD aus. "Das war ihnen nicht rechts genug", sagt Lehrerin Kenzler. Sie nannten sich "Bewegung Neue Ordnung" und später "Schutzbund Deutschland", bis die Vereinigung verboten wurde. Die jungen Nazis blieben.

Aber sie haben gelernt, die normalen Leute in Wittstock. Sie haben ein Bürgerbündnis gegründet, weil es nicht mehr zum Aushalten war. Die Polizei, der Pfarrer, die Schulen, der Sozialpädagoge, der Bürgermeister und alle Parteien machen mit. Eine kleine Gruppe, 20 Leute, die demokratische Elite dieser kleinen Stadt. Jeder tut, was er kann. Das ist nicht viel, oft nur ein lautes Wort. Zum Beispiel Kerstin Zillmann bei der Feuerwehr: Sie guckt sich genau an, wer aufgenommen werden möchte. Feuerwehren sind beliebt bei Neonazis: Nirgendwo lässt sich besser der Biedermann spielen, der eigentlich Brandstifter ist. Einen davon haben sie in Wittstock, einen, der wegen Körperverletzung im Gefängnis war, wieder bei der Feuerwehr aufgenommen wurde, aber seit kurzem nicht mehr kommt. "So etwas geht nicht", sagt Zillmann. Sie macht den Mund auf. Als kürzlich einer von der Feuerwehr, der im Auto gern Nazimusik hört, ein Hitlerfoto auf dem Handy hatte, pfiff sie ihn zusammen.

Barbara Kenzler, 58, Oma, eine kleine, resolute Frau mit frechem Haarschnitt. Sie kann erzählen, wie das zugeht, wenn sich in einer kleinen Stadt die Demokraten die Neonazis vom Leib halten müssen. Morddrohungen hatte sie schon, böse Anrufe, zerstochene Autoreifen. An ihrer Schule gibt es eine klare Hausordnung. Wer dreimal mit verbotenen Nazisymbolen oder mit Springerstiefeln erwischt wird, bekommt eine Anzeige. Einen hat sie schon angezeigt.

Im Geschichtsunterricht immer dasselbe: Die "kleinen Rechten", wie sie sie nennt, würden gern eine Facharbeit über die SS machen. Oder die Bedeutung der Wehrmacht. Dann beginnt ihr alltäglicher Kampf. Das Thema bekommt eine neue Überschrift: "Die SS, gedrillt zum Morden." Und die "kleinen Rechten" müssen eine Gliederung vorlegen. Dann wird diskutiert, dann erklärt sie. Gibt sich Mühe, versucht geradezubiegen, was sie zu Hause hörten. Oder bei den großen Neonazis. "Es ist wahnsinnig schwer", sagt sie. "Aber es sind meine Schüler."

Sie mussten eine Menge lernen in Wittstock. Gedenktage, zum Beispiel. Kriegsende, Hitlers Geburtstag, Todestag von Rudolf Heß. Wie der Igel im Märchen müssen sie sein: Schneller als die anderen den Marktplatz belegen. An Hitlers Geburtstag macht die Stadt "Frühjahrsputz", am 8. Mai schon einmal ein Streetballturnier. Anschließend grillen. Es geht darum, wer an diesen Tagen die Plätze besetzt, die demokratischen Wittstocker oder die Neonazis. Auch das mussten sie lernen im Bürgerbündnis. 2003 marschierten 160 Rechtsextremisten durch Wittstock. Die Bilder gingen durchs Fernsehen. Schilder hatten sie gemalt beim Bürgerbündnis, Transparente gegen rechts. Am Ende fehlten die Bürger, um sie hochzuhalten. "Das war ein Reinfall", sagt Lehrerin Kenzler. In den Jahren danach wurde es besser.

Ein kleiner Erfolg: Im Oktober machte der "Hate"-Laden an der Poststraße zu. Ein Treffpunkt für Neonazis, um sich mit ThorSteinar-Kleidung auszustatten. Zwei Wochen zuvor stand eine Gruppe Bundestagsabgeordneter vor der Tür. Sie waren auf Einladung der "Opferperspektive Brandenburg" unterwegs, sich einmal den alltäglichen Rechtsextremismus anzuschauen. Die blonde Verkäuferin drehte halb durch als plötzlich der SPD-Abgeordnete Klaus-Uwe Benneter im Laden stand. "Kennen Sie die Gesetze der BRD?", fauchte sie ihn an. "Kenne ich", brummelte der und sah sich um. Im Laden saß noch ein junger Glatzkopf, "Solidarität mit Luni" stand auf seinem T-Shirt. Luni ist der Sänger der rechten Band Landser. Er sitzt im Gefängnis wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung. "Geht, Ihr gefährdet meinen Arbeitsplatz", schrie die Verkäuferin und drehte die Jalousien herunter.

Den Laden gibt es nicht mehr, warum auch immer. "Wenigstens etwas", sagt Lehrerin Kenzler. Sie trifft sich jetzt mit ihren Leuten vom Bündnis. Termine machen. Es geht um die Gedenktage 2007. Sie wollen weiter Igel sein, nicht Hase. "Man darf sich nicht unterkriegen lassen", sagt die Lehrerin.

http://www.frankfurter-rundschau.de

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Copyright © FR online 2007
Dokument erstellt am 15.01.2007 um 17:24:02 Uhr
Letzte Änderung am 15.01.2007 um 17:38:58 Uhr
Erscheinungsdatum 16.01.2007

 

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